Meine Geschichte
Ich bin mittlerweile 34 Jahre alt und seit dem 1.Oktober 2007 mit dem tollsten Mann der Welt zusammen. Geheiratet haben wir am 5.12.2008, mitten in meiner Schwangerschaft, die mich in die bisher größte Krise meines Lebens gestürzt hat.
Kinderwunsch
Ich weiß seit vielen, vielen Jahren, dass ich Kinder will. Und so trieb ich unsere Kinderplanung recht schnell voran, wusste ich doch, dass bei mir der Verdacht auf eine Hormonstörung namens PCOS besteht, die das Schwangerwerden erschweren kann. Und so dauerte es auch nicht lange, bis ich mit meinem –damals noch – Verlobten bei einem Spezialisten für diese Hormonstörung in einer Kinderwunschklinik saß. Sein Spermiogramm war gut, meine Hormonwerte mittelmäßig und meine intrauterine Situation mäßig – keine Eisprünge, keine Chance auf Schwangerschaft.
Durch Zufall landete ich bei einem „normalen“ Frauenarzt, der die Diagnose als Panikmache abtat und mich behandeln wollte. Da wir uns beide dort viel wohler fühlten als in der sterilen Kinderwunschklinik, ließen wir ihn behandeln. Nach 3 Zyklen mit einem eisprungauslösenden Medikament, einer Bauchspiegelung und viel Panik, dass es mir einfach nicht vergönnt sein würde, passierte es dann im 9. Zyklus nach Absetzen der Pille: Trotz typischer Menstruationsvorboten zeigte der Test „schwanger“ an. Wir freuten uns tierisch, guckten uns immer wieder ungläubig an. Mein Freund schwankte zwischen latenter Panik und unbändiger Freude, ich freute mich nur und hätte am liebsten schon einen ganzen Babyladen leergekauft.
Der erste Ultraschall in der 6. Woche war wundervoll – man konnte das kleine Herzchen schon schlagen sehen, wir hatten beide Tränen in den Augen.
Übelkeit und Migräne
Dann fing es mit “harmloser” Übelkeit zwischen der 6. und 7. Woche an.
Ab der 7. Woche musste ich es dann auf der Arbeit sagen – die Übelkeit, über die ich mich anfangs fast schon freute, machte mir das Arbeiten sehr schwer, ich würgte viel und aß wenig. Es kam mir vor, als hätte ich einen Klumpen im Magen, wie das Gefühl, wenn man nachts aufwacht, kurz bevor man sich übergeben muss. Zwischen jeglichen Lebensmitteln und meinem Mund war eine große Mauer. Ab und zu ging etwas rein, abends eher als den Rest des Tages. Es schmeckte nichts und auch das Trinken fiel mir schwer. Trotz der Übelkeit, die mir auf den Kreislauf schlug und Magenschmerzen verursachte, freute ich mich mit meinen Verwandten, als wir es „verkündeten“. Leider kamen auch noch Migräneanfälle dazu (mit Sehstörungen und Taubheitsgefühlen) und so wurde ich für zwei Wochen krankgeschrieben.
Akupunktur und Behandlungen bei einer Homöopathin über viele Wochen brachten nichts außer Stress und Angst. Von allen Seiten hörte ich, dass das in der 12. Woche alles aufhören sollte. Leider tat sich nichts, außer einer kurzzeitigen Besserung an einem Tag nahm ich weiter ab und vegitierte nur noch auf der Couch vor mich hin. Alle Tipps gegen Übelkeit halfen rein gar nichts.
Mein Frauenarzt verschrieb mir Vomex. Ich nahm es nicht, weil ich mich daran erinnerte, dass es mich total müde gemacht hatte, als ich es mal nahm, ewig her.
Die homöopathischen Mittelchen erbrach ich.
Ein Magen-Darm-Virus setzte mich völlig schachmatt, aus meinem ohnehin schon geschwächten Körper kam alles raus und ich war für drei Tage bei meinem Hausarzt ambulant um die Ecke am Tropf. Teilweise konnte ich nicht mehr als zwei Schritte laufen, ohne zusammenzuklappen. Ich nahm tröpfchenweise Suppe, Elektrolyte und Tee zu mir, mein Freund und meine Familie waren in höchster Sorge um mich. Als dann noch Fieber aufkam, nahm ich Paracetamol und gegen den Pilz, der sich über meine geschwächte Abwehr freute, Scheidenzäpfchen.
Ich erholte mich von dem Virus, kam aber nicht wieder auf die Beine.
Aus den zwei Wochen Krankschreibung wurden vier, wurden sechs, wurden acht, in denen ich auf der Couch saß oder lag und meinen Hunger und meine Lebensfreude vermisste und begann, mein “altes, normales” Leben erst zu vermissen, dann nach und nach zu vergessen.
Ging ich mal vor die Tür, kam mir die Welt zu schnell und zu facettenreich vor für meine Augen und meinen Geist – ich konnte das alles gar nicht auf einmal aufnehmen. Ich konnte mir nicht vorstellen, früher mal konzentriert gearbeitet zu haben, geschweige denn, das irgendwann wieder leisten zu können. Ich fühlte mich wie ein Statist zwischen Menschen, die anders waren als ich, ich definierte mich nicht mehr als “normal”, fühlte mich dieser Menschheit nicht mehr zugehörig.
Ich vermute, dass ich da die erste depressive Episode hatte.
In der 13. Woche war ich nach 6 Kilo Gewichtsabnahme auf Anweisung meines Frauenarztes im Krankenhaus. Er hatte eine Infusionstherapie angeordnet, aber die Ärzte im Krankenhaus schoben die Übelkeit auf die Psyche und meinten, durch Abschotten würde alles besser – eine weitverbreitete Meinung bei Schwangerschaftsübelkeit. Ich bekam also keine Medikamente, keine Infusionen und keine Betreuung und sollte möglichst wenig Besuch bekommen.
Ich hatte ein Einzelzimmer mit Kühlschrank und großem Fernseher. Ich aß etwas mehr als zuhause, aber im Endeffekt war es genauso ein Dahinvegitieren wie zuhause auf der Couch. Nur einsamer…
Nach 4 Tagen, in denen ich mir einredete, dass es besser geworden war, konnte ich wieder nach Hause. Ich war nach wie vor sehr schwach und mir war zu schwindelig, ein Buch zu lesen.
In der 14. Woche konnte ich nicht mehr.
Ein Dienstag Abend, es war der Tag vor dem 1.10., ging es mir so schlecht, dass ich sagte: „Ich will nicht mehr schwanger sein“
Auch mein Freund, der sich bisher tapfer geschlagen hatte und neben dem Beruf meine Pflege und den gesamten Haushalt übernommen hatte, verlor mittlerweile den Mut.
Am Tag danach schaffte ich es, ins Auto zu steigen und hatte mir vorgenommen, so lange von Arzt zu Arzt zu gehen, bis mir geholfen wurde, notfalls wieder ins Krankenhaus oder sogar in die Psychiatrie. Bei meinem Frauenarzt, bei dem ich einen Heulkrampf bekam, wurde mir geholfen: Vomex Zäpfchen, 2 am Tag. Dazu Nausan, 3x am Tag.
Zuhause nahm ich das erste Zäpfchen. Ich telefonierte mit einer Freundin und während des Gesprächs – ich kann es kaum beschreiben – wurde die Welt heller. Energie floss durch meinen Körper, die Übelkeit war nur noch gedämpft da, ich fühlte mich, als hätte ich ein Antidepressivum genommen. Ich knabberte am Weckmann. Irgendwoher durchströmte mich Energie – ein vergessenes, unglaubliches Gefühl.
Ab da wurde es besser und in der nächsten Woche ging ich mehrere Tage arbeiten, aber nur stundenweise, schließlich hatte ich 5 Kilo verloren und kam mir vor wie nach einer langen Krankheit. Vomex reichte 1 morgens – die Übelkeit war stark gedämpft, Nebenwirkungen wie Müdigkeit oder Benommenheit hatte ich gar nicht. Wundersamerweise war es meinem Baby die ganze Zeit gutgegangen – das hat die Natur so eingerichtet.
Es blieb nur die Angst vor Migräne und das ständige Hoffen, dass das Schwächegefühl endlich wegging und ich mich wieder zu 100% dem Alltag gewachsen fühlte. Die Welt war immer noch “zu schnell” für mich und meine Augen.
Aber endlich wieder genussvoll essen zu können, war ein Zugewinn an Lebensqualität, der mich wieder optimistisch stimmte.
Zahnprobleme
Dann – leider, leider – hatte ich einfach nur Pech. Seit Beginn der Schwangerschaft zwickte ein Zahn, der auch mit neuer Füllung versehen worden war, aber anscheinend hatte sich der Nerv entzündet und so lange stillgehalten, bis ich die Zäpfchen- Therapie begonnen hatte. Also über 2 Monate.
Da in der Schwangerschaft Röntgen flach fällt, wurde mir nach zahlreichen Besuchen der Nerv auf Verdacht entfernt.
Tags darauf wachte ich traurig auf und fühlte mich an die Depression erinnert, die ich mal hatte, vor Jahren. Traurig, schwere Glieder, ich fühlte mich wie gelähmt und wusste nicht, wie ich den Tag überstehen soll. Mit Mühe und Not den Arbeitstag überstanden – Appetitlosigkeit, Schwäche, niedriger Blutdruck, Ratlosigkeit, Resignation.
Tags darauf – mein Freund hatte auch noch Geburtstag – meldete ich mich krank und schleppte mich morgens auf allen vieren mit angeschwollener Wange zum Zahnarzt. Als ich dort ankam, war ich kurz davor, einen Notarztwagen zu rufen. Stattdessen kroch ich weinend zu einer Arztpraxis zwei Häuser weiter und bekam dort eine Infusion.
Der Arzt wies mich auf die Dringlichkeit von regelmäßigen Infusionen und Einnahme eines Antibiotikums wegen dem Zahn hin.
Nachdem die Wurzelkanäle gereinigt waren, bekam ich ein Antibiotikum und Paracetamol verschrieben.
Ich wachte mittags auf und kann nicht beschreiben, wie “schwarz” die Welt war. Ich hatte Schmerzen wie wahnsinnig, meine Wange war dick und ich weinte nur noch. Zwischendurch fragte ich mich immer wieder selbst „Warum ich?“
Ich rief meine Eltern an, die mich abholten und mich zu einem Notdienst brachten. Dort wurde der Zahn wieder gereinigt.
Im Auto ließ die Betäubung nach, ich kann es nicht beschreiben, ich habe noch nie solche Schmerzen gehabt. Mein Vater war den Tränen nahe, wollte mich in einen Tiefschlaf versetzen, weil er solches Mitleid mit mir hatte.
Auch mein Freund und meine Mutter am Ende, hilf- und ratlos.
Am Samstag Morgen dann nur noch Tränen, Hoffnungslosigkeit. Es ging nicht mehr.
Ich hielt mich selbst für verrückt. Eine Freundin empfahl mir ein anderes Krankenhaus. Meine Selbstdiagnose: Schwangerschaftsdepression.
In der Klinik bekam ich endlich Infusionen und das Gefühl, ernst genommen zu werden. Dem Baby ging es gut. Die Blutwerte waren alle in Ordnung. Das war das Kuriose – wenn wenigstens körperlich etwas nicht gestimmt hätte und für den ganzen Mist verantwortlich gewesen wäre, dann hätte ich etwas Konkretes gehabt, aber so hing ich in der Luft. Jeden Tag musste ich 30 km zum Zahnarzt und zurückgefahren werden, manchmal sogar zweimal. Meine Familie und mein Freund waren großartig! Die Zahnärztin hatte das ganze Wochenende Notdienst. Die Nächte überstand ich mit Coolpacks und Paracetamol. Ich hatte wahnsinnige Schmerzen.
Am Sonntag nahm die Wange dann größere Dimensionen an, ich hatte nach wie vor wahnsinnige Schmerzen, Paracetamol wirkte kaum und mein Kreislauf ließ mich im Stich.
Die Ärztin bohrte auf Verdacht den benachbarten Zahn auf. Es stellte sich heraus, dass er infiltriert war, d.h. hoch akut entzündet. Es war alles vereitert, die Entzündung bereits im Kieferknochen angekommen und der Zahn wackelte, weil mein Körper ihn abstoßen wollte. Ich weinte vor Erleichterung. Sie nahm raus, was ging, aber wegen der Entzündung war eine Narkose gar nicht wirksam.
Auf dem Rückweg ins Krankenhaus merkte ich, dass der Schmerz nachließ und auch die Nacht verbrachte ich ausnahmsweise nicht auf dem Gang, sondern konnte ein paar Stunden schlafen.
Ich erlebte aber am nächsten Morgen „die volle Dosis“ Depression – ich spürte im Körper ein kaltes, lähmendes Gefühl, das durch mich floss. Ich weinte ca. 6 Stunde ununterbrochen und hatte schreckliche Gedanken („Ich werde dieses Kind nie lieben“, „Warum musste ich schwanger werden?“, „Wenn das Kind anfängt, sich zu bewegen, wird es wie ein Fremdkörper für mich sein“, „Es ist zu spät, abzutreiben“).
Ich verzweifelte an diesen Gedanken und war wie wahnsinnig.
Es wurde sich rührend um mich gekümmert, Schwestern, Zimmernachbarn, Soziapädagogin, Freundin. Ich wünschte mir, dass das Kind jetzt schon zur Welt käme oder ich den Rest der Schwangerschaft im Koma verbringen durfte.
Ein paar Tage später waren mein Freund und ich in einem großen Baby-Fachgeschäft, das hat mich noch mal runtergerissen, da ich merkte, dass ich mich nicht mehr so freuen konnte wie die anderen werdenden Mütter dort. Es überforderte mich, was wir alles kaufen und bedenken müssen und dass ich ja wieder zur Freude über die Schwangerschaft finden sollte. Ich weinte dann furchtbar und entschuldigte mich bei meinem Baby, dass es so was mitmachen musste.
Depression und Angst
Zuhause ging es nach und nach besser, aber ich merkte bald, dass sowohl körperlich als auch psychisch nichts wie vor der Schwangerschaft war.
Ich hatte massive Ängste, noch mal Migräne zu bekommen, dabei erschienen mir die Sehstörungen am schlimmsten. Daher kam ich mit hellem Tageslicht und Sonnenschein nicht klar. Ich hatte ständig ein Flimmern vor den Augen, das sicher auch durch meinen niedrigen Blutdruck und die schwangerschaftstypische Aufweichung der Hornhaut zu erklären war. Es erinnerte mich an den Beginn der schrecklichen Sehstörungen und jagte mir Angst in Form von Schweißausbrüchen und Herzklopfen ein.
Meine Ängste gingen so weit, dass ich es mir nicht mehr vorstellen konnte, irgendwann wieder „normal“ zu werden bzw. es jemals gewesen zu sein. Ich fühlte mich überfordert damit, einen Brief zum Briefkasten zu bringen. Ich überlegte, um wie viel Uhr er geleert wird und verzweifelte daran, dass die Welt organisiert ist und ich diese Fähigkeit verloren hatte und mich somit in ihr nicht mehr zurechtfinden konnte. Mir war alles zuviel, ich wollte mir nur die Decke über den Kopf ziehen. Ich fühlte mich aber auch im Bett stets unwohl und unangenehm erschöpft.
Ich begann eine Therapie und hatte sofort ein gutes Gefühl. Die Therapeutin war sehr nett und ich konnte ihr alles erzählen. Wir arbeiteten an allem, was in den letzten Wochen passiert war und sprachen auch über meine Kindheit und Jugend.
Sie hätte mir gerne ein Antidepressivum verschrieben, aber in der Schwangerschaft ist man verständlicherweise sehr, sehr vorsichtig damit. Die Sitzungen halfen mir aber und ich kam aus dem schlimmsten Loch wieder raus. Meine Diagnosen waren: Akute Belastungsreaktion, Depression, Angst, somatoforme Störung.
Langsam begann ich, mich wieder zu bewegen, walking im Park regte meinen Blutdruck an, aber die Angst vor dem Alltag und der Helligkeit blieb und verursachte ein schreckliches, unangenehmes Gefühl. Ich fühlte mich nach wie vor nicht lebensfähig. Ich kam mir vor wie eine Hülle, um das Baby zu beherbergen, sonst nichts, kein eigener Charakter. Ich litt unter Nackenverspannungen, weil ich schlecht schlief und ab 4 Uhr morgens zu grübeln begann. Ich hatte Dauer-Kopfschmerzen und fror ständig.
Wir erfuhren, dass die Schwangerschaft aus Sicht des Kindes optimal verlief und dass es ein Mädchen wird. Ich freute mich für einen kurzen Moment.
In diese Zeit fiel unsere Hochzeit. Der schönste Tag meines Lebens machte mir wahnsinnige Angst. Hätte ich nachts geheiratet, wäre es mir besser gegangen, die Angst vor Tageslicht machte mich wahnsinnig.
Irgendwie organisierten wir alles und der Tag wurde wunderschön, auch wenn ich zwischendurch immer wieder einknickte.
Es ist schön, heute die Fotos zu sehen und sich zu erinnern. Ich freue mich sehr auf unsere kirchliche Hochzeit, die ich sicherlich ganz anders genießen werde.
Infekte
Es begann die Zeit der Erkältungen – zuerst bekam ich einen Virus ab und daher half kein Antibiotikum. Der Infekt zog mich total runter – Depressionsphasen und Ängste hatte ich ja nun schon und das wurde alles noch stärker. Ein paar Heultage, dann wurde es besser. Mein frisch angetrauter Mann hatte Urlaub und wir freuten uns darauf, aber leider bekam ich dann eine bakterielle Infektion – grippeartig mit Schüttelfrost und Fieber, und konnte wieder nichts essen. Der Hals-Nasen-Ohren-Arzt verschrieb mir ein Antibiotikum. Die Folge – tierische Übelkeit als Nebenwirkung, bei Vomex-Einnahme das Gefühl, unter Drogen zu stehen und weniger Übelkeit, aber keinen Appetit.
Ich erlebte einen totalen Zusammenbruch, obwohl die Erkältung nach drei Tagen besser war. Das Antibiotikum musste ich acht Tage nehmen und durchlitt die Magenschmerzen und die Übelkeit. Nach dem Absetzen ging es mir besser, aber dann kam der totale Absturz. Es war die Weihnachtszeit und die Feiertage kamen. Ab da wurde es immer schlimmer.
Ich kenne Depressionen und steckte ja nun auch schon seit ein paar Wochen mittendrin, aber so verzweifelt war ich noch nie. Ich stellte mein ganzes Leben in Frage und verlor ALLE Hoffnung und Freude. Ich heulte nur noch verzweifelt und dachte, ich werde wahnsinnig. Wie viel kann ein Mensch überleben? Ständig brach ich in Tränen aus und konnte meine Gefühle kaum artikulieren. Ich fühlte mich schwach, weil die Kleine wuchs und ich wieder tagelang zu wenig gegessen hatte. Ich fühlte mich nicht als Mensch, weil ich mich von allen anderen Menschen unterschied. Dazu kam die Angst vor dem Alltag und der Helligkeit. In der Wohnung, die ich immer geliebt hatte, fühlte ich mich auf einmal nicht mehr wohl, was auch ein Schock für mich war.
Ich erwog die Einnahme eines Antidepressivums. Doch nach Gesprächen mit meiner Therapeutin und meinem Frauenarzt hatte ich zwei absolute (ärztliche) Gegenstimmen. Mein Mann und meine Eltern waren ebenfalls dagegen, war doch die Gefahr fürs Kind zu groß.
Mir ging es nach wie vor sehr, sehr schlecht.
Mein Mann tat mir Leid und ich konnte ihm nichts abnehmen. Zwischendurch versuchte ich immer wieder, mich und ihn zu beruhigen und sagte, dass nach der Geburt alles besser würde, obwohl ich im nächsten Satz genau das in Frage stellte.
Schließlich wurde es so schlimm, dass ich nicht mehr konnte. Ich wurde ängstlich, sobald mein Mann in einem anderen Zimmer war. Ich konnte mir nicht vorstellen, nach seinem Urlaub wieder alleine in der Wohnung zu sein.
Ich wollte nicht mehr schwanger sein, ich wollte das Kind nicht. Ich dachte dran, wie sehr ich es mir immer gewünscht hatte und verzweifelte daran, dass das nun nicht mehr so war, weil ich es nicht verstand und es mir auch nicht erklären konnte. Ich fühlte mich gefangen in meiner eigenen Lebensplanung.
Ich hatte schreckliche Angst, meinen Mann durch einen Unfall oder eine Krankheit zu verlieren und hatte das Gefühl, niemand kann mir helfen, diese Gedanken „abzumildern“. In den schlimmsten Momenten dachte ich sogar, dass mein Zustand der einzig richtige ist, die Welt wahrzunehmen und dass ich in anderen Phasen die Welt einfach zu oberflächlich wahrgenommen hatte. Die Depression ließ mich nun merken, wie lebensunwert das Leben ist. Mir war der Boden unter den Füßen weggezogen, ich hatte keinen Anhaltspunkt mehr in meinem Leben und war mir sicher, dass das nie wieder kommen würde, da ich mich ja nicht mehr daran erinnern konnte, wie es mir vorher gegangen war.
Ich fuhr oft mit in die Firma meines Mannes und merkte zwar, dass es mir nicht gut ging, bekam aber irgendwie die Tage rum.
Ich bekam die Depression aber nicht in den Griff und bekam auf Anraten meiner Therapeutin ein Antidepressivum verschrieben. Der erste Tag der Einnahme war aber einfach nur schrecklich. Die Nebenwirkungen des Medikaments – Herzklopfen, Magenschmerzen, Schweißausbrüche, Todesangst machten mich wahnsinnig. Zitternd schlief ich irgendwann in den Armen meines Mannes ein, der quasi gar nicht schlafen konnte. Morgens fuhren wir dann zu meinem Frauenarzt und berichteten. Er wies mich nach einem CTG, auf dem die Kleine sehr ruhig gewesen war, in ein Krankenhaus ein zur regelmäßigen Kontrolle und wir fuhren dorthin – in das Krankenhaus, in dem ich geboren wurde. Ein paar Tage lenkte mich die Konzentration auf das Kind durch die CTGs und meine nette Zimmernachbarin ab, aber irgendwann ging es mir so schlecht, dass die Depression mich nachts weckte und ich nach einem Gespräch mit einer Ärztin verlangte. Morgens rief ich meine Mutter an, die mir vormittags zur Seite stand. Ich war VÖLLIG verzweifelt, wimmerte nur noch und klammerte mich an sie. Ich hatte das Gefühl, nicht mehr existieren zu können. Es war schrecklich.
Ich friemelte dauernd an meinem Bettzeug herum, verzweifelte an meinen Gedanken und hatte das Gefühl, nicht mehr existieren zu können.
Ärzte und Krankenhaus-Personal sahen dringenden Handlungsbedarf. Gegen Mittag kam eine Psychiaterin und wies mich in die Psychiatrie ein. Dort bekam ich einen Angstlöser, mit dem es mir zunächst besser ging. Leider aber wirkt er nicht gegen die Depression und obwohl ich ein paar „bessere“ Tage hatte, wieder schlechter. Ich spürte die Depression, wollte auf der einen Seite kein Antidepressivum nehmen, merkte auf der anderen Seite, wie unglaublich schlecht es mir ging und wie sehr die Krankheit Besitz von mir ergriffen hatte. Ich war wieder zu keinem positiven Gedanken fähig und hatte trotz des Medikaments Ängste. Ich wollte nach Hause, obwohl ich wusste, dass es mir an keinem Ort der Welt gut gehen würde.
Das Leben zog wie immer an mir vorbei, alles „außerhalb“ von mir ging seinen Gang. Ich hockte tief in meinem dunklen Brunnen und war mir sicher, nie wieder gesund zu werden, nie wieder hoch zum Leben zu kommen. Zu meinem Kind hatte ich auch wieder jeglichen Bezug verloren.
Jedoch wurde die Psychiatrie nach ein paar Tagen zu meiner “Festung”, zu meinem sicheren Ort. Das Antidepressivum bescherte mir in den ersten zwei Wochen schreckliche Stimmungsschwankungen, die dort aber aufgefangen wurden. Nach zwei Wochen ging es mir endlich dauerhaft besser! Ich malte viel und ließ mich auf alle Angebote ein. Nach 3-4 Wochen fühlte ich mich annähernd “normal” und nach knapp 6 Wochen wurde ich entlassen.
Die Schwangerschaft „genießen“
Nach der Entlassung aus der Psychiatrie ging es mir besser und ich konnte die Schwangerschaft in Ansätzen nun auch endlich mal „genießen“, d.h. ich schlug mich endlich mal mit Problemen rum, die andere Schwangere auch hatten; Sodbrennen, Kontraktionen, ständiger Harndrang, Magenbeschwerden, Unbeweglichkeit.
Der Bauch war zwar nicht riesig, aber er schränkte mich in meiner Bewegungsfreiheit sehr ein. Essen war auch immer so eine Sache – kleine Portionen gingen, aber ich hatte ständig das Gefühl, mein Magen sitzt im Hals.
Regelmäßige CTGs beim Frauenarzt waren angenehm, wusste ich dann doch immer, dass es der Kleinen gut geht. Am Wochenende war ich immer zum CTG bzw. Doppler im Krankenhaus – mein Frauenarzt war immer sehr besorgt um uns.
Irgendwann wurde ich dann mit der Diagnose „wenig Fruchtwasser“ und Mini-Wehen ins Krankenhaus zur Geburt eingeliefert. Dort tat sich aber nichts. Ein paar Tage lang bekam ich täglich 4 CTGs und am 23.3. wurde die Geburt dann mit Tabletten eingeleitet. Am 24.3. ging es nachmittags auf einmal los und nach nur 4,5 Stunden und einer komplikationslosen, schönen Geburt hielt ich endlich unser Baby in den Armen!
Die Liebe, die ich von Anfang an für sie empfunden habe, lässt sich mit Worten nicht beschreiben.

Es erstaunt mich, dass ich seitenlang über die Schwangerschaft und alle negativen Gefühle schreiben kann, die Liebe zu meinem Kind und mein Leben seit der Geburt aber nicht in Worte fassen kann.
Vielleicht ist der größte Liebesbeweis die Tatsache, dass ich noch einmal schwanger werden möchte…
Ich wurde oft gefragt, was für mich das Schlimmste war. Übelkeit, Schwäche, Schmerzen und Migräne waren schlimm, aber was mich am meisten belastet hat, war, dass ich mich selbst nicht wiedererkannte und mir und meiner Vorstellung vom Leben der Boden unter den Füßen weggezogen war.
Seit ich 14 bin, freue ich mich darauf, schwanger zu sein. Ich habe es immer als Ehre empfunden, als Frau auf die Welt gekommen zu sein um das Wunder der Schwangerschaft und Geburt im/am eigenen Körper erleben zu dürfen.
Unser Kind war ja mehr als ein Wunschkind.
Dass es mir dann körperlich so mies ging, hat mich zunächst nicht gestört, ich wusste ja, wofür ich es ertrage. Aber wenn immer wieder ein Rückschlag kommt und man sich gar nicht richtig erholen und am Alltagsleben teilnehmen kann, belastet das irgendwann sehr.
Für mich war die schlimmste Erfahrung, dass ich mich nicht mehr über meine Schwangerschaft freute und irgendwann sogar das Kind ablehnte.
Viele unserer Bekannten wussten mittlerweile, was mit mir los war. Ich hatte auch ein schlechtes Gewissen denen gegenüber, weil ich niemandem Sorgen machen wollte und sich so viele über unsere Schwangerschaft freuten. Viele versuchten, mich aufzumuntern. Leider kann einem niemand helfen, vor allem weiß niemand, was Depressive empfinden. Sätze wie „Ihr solltet euch doch freuen!“ klangen in meinen Ohren wie ein Vorwurf und zogen mich noch mehr runter. Wenn man zu einem Depressiven „Freu dich doch mal!“ sagt, ist das, als würde man einem Kleinwüchsigen raten, zu wachsen.
Ich machte mir selbst große Vorwürfe, dass ich mich nicht angemessen freuen konnte und hatte Schuldgefühle – und ich konnte mein negatives Denken nicht nachvollziehen. Ich dachte irgendwann, dass mein Kinderwunsch nur das Hinterherrennen einer gesellschaftlichen Norm war und mir nun in der Schwangerschaft klar wurde, was ich wirklich will: Kein Kind.
Depressionen rauben einem die Fähigkeit, Gefühle zu empfinden. Freude zu empfinden war für mich unmöglich, selbst die Trauer war irgendwie ein leeres Gefühl. Das einzige Gefühl, das ich spüren konnte, war in den schlimmen Phasen die Verzweiflung.
An manchen Tagen ging aber gar nichts, und wenn ich unterwegs war und es mir nicht gut ging, zog mich das noch mehr runter, weil ich merkte, dass heute nichts half. Manchmal geht es einem ja besser, wenn man etwas geschafft hat wie z.B. einen Brief zu tippen und abzuschicken oder etwas in der Wohnung aufzuräumen. Aber wenn man dabei keinerlei Befriedigung empfindet, ist es egal, ob die Küche ordentlich ist oder nicht. Da ist es dann sogar irgendwann egal, ob man morgens aufsteht oder liegen bleibt. Mein Gefühlsleben war total abgeflacht, ich war wie gelähmt. Oft ging diese Lähmung der Verzweiflung voraus, als hätte ich Blei im Körper und eine Wachssicht auf dem Gesicht. Jede körperliche Tätigkeit wie zum Bad zu gehen, war ein Kraftakt und fand in Zeitlupe und gebückter Haltung statt, wie bei einem nach einer Operation noch narkotisierten Menschen. Mein Gesicht muss ausgesehen haben wie eine Maske; als zöge die Schwerkraft jegliche Mimik zu Boden, die Augen, die Mundwinkel, das Kinn; als hingen Bleigewichte dran.
Ich hatte in schlimmen Phasen auch immer wieder das Bedürfnis, mich mal wieder zu betrinken, einfach, um den Zustand nicht ertragen zu müssen. Immer wieder, wenn es mal besser ging, horchte ich in mich hinein, ob ich denn nun wieder „normal“ sei und freute mich immer, wenn ich wenigstens in der Nähe von „normal“ war. Umso schlimmer war es dann, wenn ich merkte, dass ich an „normal“ einfach nicht mehr rankam.
Dazu kam die Verzweiflung, in diesem Zustand schwanger zu sein, ein Kind auf die Welt bringen zu müssen und mit all den Veränderungen leben zu müssen, die sich daraus ergeben. Das Wissen darüber, dass eine Schwangerschaft eigentlich eine Zeit der Freude ist, und dass es bei mir das genaue Gegenteil wurde. Das Ablehnen des Kindes, die Frage „Warum wolltest du unbedingt ein Kind?“ Das schlechte Gewissen, dass sich alle seit Monaten um mich kümmerten, mein armer Mann, dem es nach und nach schlechter ging. Ich hatte Gedanken und Gefühle, die ich nicht in Worte fassen kann.
Ich wusste, dass da eine Krankheit aus mir sprach, aber ich konnte das in den schlechten Phasen nicht abstrahieren, weil mein alter Gemütszustand so weit weg von mir war. In besseren Phasen erinnerte ich mich an die schönen Momente und war teilweise in der Lage, auch wieder ein bisschen Freude empfinden zu können, aber nur sehr, sehr reduziert. Wenn Minuten später eine schlechte Phase kam, hielt ich es aber für unmöglich, jemals wieder Freude empfinden zu können. Depression ist ein unglaublich subjektiver Zustand – ich fühlte mich stellenweise wie ein anderer Mensch bzw. wie ein Mensch, der nur noch zu 20% Mensch ist. Insgesamt barg ein besserer Zustand auch immer die Gefahr, dass mir bewusst wurde, wie schlecht es mir ging und wie weit ich noch von „normal“ entfernt war und wie schnell wieder die Abstürze kommen können.
Ich weiß nicht, wie oft wir uns gesagt haben „Alles wird gut“ oder „Bald wird alles besser“, ich weiß nicht, wie oft mein Mann mich aufzufangen versuchte, wenn ich nur noch sagte „Das muss doch irgendwann besser werden“, was sich dann steigerte in „Das geht einfach nicht weg“ und in „Ich werde nie wieder gesund“ gipfelte.
Doch es trat das ein, was mir alles weissagten. Die Liebe zu meiner Tochter ist unbändig und dieses kleine Wesen war jede Sekunde dieser schrecklichen Zeit wert!
